Scheibenstuhl 2006 Einer der bekanntesten Fundpunkte des
südlichen Vorarlbergs stellt der so genannte ‚Schiebastual’ im
Gemeindegebiet von Nenzing dar. Er liegt südlich der Beschlinger Kirche
und kann über die bestehenden Forstwege leicht erreicht werden. Er fällt
trotz des heutigen Waldbewuchses durch seine durchgehende, annähernd
waagrechte Terrassierung auf, die eine Länge von etwa 170 m und eine
Breite von 50 m erreicht. Ins Auge sticht weiters eine aufwendige, den
Flanken des „Schiebastuals“ folgende Umwallung des gesamten Areals.
Altgrabungen: Erste
archäologische Ausgrabungen waren bereits in den vierziger Jahren des
letzten Jahrhunderts unter dem damaligen Direktor des Vorarlberger
Landesmuseums, Herrn Adolf Hild, durchgeführt worden. Seine Untersuchungen
konzentrierten sich, neben mehreren verstreut liegenden Flächen, vor allem
auf den nördlichen Bereich des Scheibenstuhls. Er spricht die ergrabenen
Befunde als Überreste verschiedenster Wohnbauten an und interpretiert den
Scheibenstuhl als „Wallburg“ und „befestigten Platz der Ardis) seit mehr als einem Jahrzehnt Praxis im Nachvollzug prähistorischer
Metalltechnologien hat und diese mit originalen Materialien und einer
absoluten Orientierung an bekannten archäologischen Befunden rekonstruiert.
„Tag
der Offenen Grabung“ und „Experimentelle Archäologie“: Zum
ersten Mal im südlichen Vorarlberg konnte zusammen mit Frank Trommer ein
zweitägiger ‚Tag der offenen Grabung’ mit ‚Experimentalarchäologie’
abgehalten werden. Im Rahmen dessen wurden vor Ort am „Schiebastual“
prähistorische Bronzegusstechniken und Fertigungsprozesse zu ausgesuchten
Fundstücken vorgestellt. Dabei wurde eine komplette prähistorische
Gießerwerkstatt mit allen Werkzeugen zum eigentlichen Guss sowie zur
Weiterverarbeitung der Produkte aufgebaut und verschiedenste
bronzezeitliche Werkzeuge und Schmuckstücke wurden in Sandsteinformen in
einem nach archäologischen Befunden gebauten Ofen gegossen. Parallel
dazu fanden halbstündlich Führungen zu den neuesten Ergebnissen der
archäologischen Grabungen statt, die neuesten Fundmaterialien wurden
präsentiert und die alte Grabungsdokumentation von A. Hild wurde gezeigt. Die
Verköstigung übernahm der Geschichtsverein Beschling, der mit köstlichen
Speisen und erfrischenden Getränken den Tag zu einem gelungenen Fest
machte!
Ausblick: Noch bleiben viele Fragestellungen
offen und weitere spannende Ergebnisse sind zu erwarten. Handelt es sich
beim Scheibenstuhl doch um den einzigen gesicherten „Brandopferplatz“
Vorarlbergs! Eine Fortsetzung der archäologischen Grabungen ist für 2007
geplant.
Archäologische Untersuchungen und Schauvorführungen am Scheibenstuhl
2007
Auch heuer wurden die archäologischen Grabungen am so
genannten Scheibenstuhl fortgesetzt und wiederum wurden diese - wie schon
im Vorjahr - gekoppelt mit experimentalarchäologischen Schauvorführungen
im Rahmen eines ‚Tages der offenen Grabung’ präsentiert. Sowohl
die Ergebnisse der archäologischen Grabungen, als auch die trotz des
verregneten Wetters hohen Besucherzahlen spiegeln den Erfolg des Projektes
wider.
Archäologische Grabungen: Langsam lichtet
sich das Rätsel um die Bedeutung und Funktion des Scheibenstuhls und es
gelingt den Archäologen Klarheit zu schaffen. Interpretierte der erste
Ausgräber, Herr Museumsdirektor Adolf Hild, die Fundstelle noch als
Siedlung, so wissen wir heute, dass es sich dabei um einen Brandopferplatz
handelt. Mühevoll und in Kleinarbeit legen die Studenten der
archäologischen Fachrichtungen und das Archäologenteam um Karsten Wink die
einzelnen Schichten frei, trennen die gestörten von den originalen ‚in
situ’ liegenden Bereichen, bergen aus dem stark mit Holzkohle und
Knochengrus versetzten Erdsedimenten Keramiken und Metallfunde,
dokumentieren, vermessen und zeichnen jedes Detail der Grabungen.
Was
verbirgt sich nun an archäologisch-historischen Informationen hinter dem
Fachbegriff ‚Brandopferplatz’? Es handelt sich dabei
um einen Kultplatz, den die umliegende Bevölkerung aufsuchte, um dort
verschiedenste Brandopfer zur Huldigung der Götter durchzuführen. Bislang
konnten vor allem tierische Opfergaben nachgewiesen werden, die man auf
kleinen Steinaltären verbrannte. Der Nachweis von Rind, Schwein,
Ziege und Wildtieren gelang. Dabei ist eine so genannte Selektion der
Knochen bemerkbar. Nicht die fleischreichen Anteile, sondern vor allem die
weniger zum Verzehr geeigneten Stücke, wie etwa die Läufe und Schädel der
Tiere, wurden dargebracht. Botanische Analysen sollen zeigen, in wie weit
auch Getreide, Hirse, Bohnen und andere Pflanzen im Ritus eine Rolle
spielten, deren Nachweis makroskopisch ohne entsprechende
Feinuntersuchungen schwerer ist. Wie genau die Kulthandlungen von
statten gingen, ist nicht bekannt, da weder schriftliche noch bildliche
Quellen darüber berichten. Zur besseren Veranschaulichung kann als
Vergleich das Rekonstruktionsmodell des Brandopferplatzes ‚Wallburg /
Ultental (Südtirol) dienen, das im heutigen Archäologiemuseum in Bozen zu
besichtigen ist. Von besonderem Interesse ist die lange Nutzung des
Heiligtums, die sich - wie archäologische Funde eindeutig belegen - von
der mittleren Bronzezeit (ca. 1500 v. Chr.) bis weit in die Römerzeit, ins
3. Jh. n. Chr., erstreckt. Im Zuge der diesjährigen Kampagne konnten
vor allem mehrere Opfergruben, in denen die Überreste der Opferfeuer
deponiert wurden, ergraben werden. Nächstes Jahr sollen vor allem die
Altarstrukturen genauer unter die Lupe genommen und ans Licht gebracht
werden.
Experimentalarchäologie für Groß und Klein: Im
Zuge der beiden ‚Tage der Offenen Grabung’ fanden Vorführungen zum
Themenkreise Bronzeguss und Schmiedetechnik statt. Vor Ort wurden im
Schmiedefeuer Schmuckstücke, Werkzeuge und Waffen gegossen und
nachbearbeitet. Die Rekonstruktion der Schmiede und alle zum Einsatz
kommenden und gezeigten Geräte und Werkzeuge orientierten sich an
archäologischen Vorlagen. Während ‚live’ vor Ort Bronze
verarbeitet wurde, erklärten die Archäologen Groß und Klein die
technischen Abläufe und beantworteten Fragen zum urgeschichtlichen
Metallhandwerk. Ergänzt wurde das Programm von Kochvorführungen und
Erklärungen zum Speiseplan der urgeschichtlichen Bevölkerung, um so einen
kleinen Eindruck der Alltagskultur zu vermitteln.
Scheibenstuhl 2008
Die archäologischen Untersuchungen in
Nenzing – Versuch einer Zusammenschau (Christina Kaufer und Karsten Wink)
Warum
Archäologie - warum Geschichte? Das Zitat „je weiter man zurückblicken
kann, desto weiter wird man vorausschauen“ soll vom britischen Staatsmann
und Nobelpreisträger für Literatur, Sir Winston Spencer Churchill stammen.
Der bekannte Schriftsteller Salman Rushdie formuliert ähnlich prägnant:
„Wer seine Geschichte nicht erzählen kann, existiert nicht“. „Geschichte
ist nicht nur Geschehenes, sondern Geschichtetes - also der Boden, auf dem
wir stehen und bauen“, schreibt der deutsche Theologe Hans von Keler und
unterstreicht in diesem Zitat den Aspekt der Archäologie innerhalb der
Geschichts- und Kulturwissenschaften. Jedwede Beschäftigung mit der
Vergangenheit im Allgemeinen dient also nicht einem wie auch immer
gearteten Selbstzweck, sondern in erster Linie der persönlichen, somit
individuellen Identifizierung und Auseinandersetzung mit der eigenen
Heimat, einer neuen Umgebung, den verschiedenen Lebensumfeldern, den
herrschenden Traditionen und Sitten, den politischen Bedingungen, den
religiös gewachsenen Strukturen etc. Noch viele Beispiele wären
anzuführen, die belegen, wie wichtig die Betrachtung der Vergangenheit für
das Verständnis des Jetzt und die Planung des Morgen ist. Doch nicht nur
für das einzelne Individuum spielt die Beschäftigung mit der Geschichte
eine Rolle, denn ähnlich wie zuvor prägt auch hier das gemeinsam
Erreichte, Erlebte, Gelittene, Gefeierte, Erfahrene die Allgemeinheit und
fügt Menschen zu Einheiten und Gemeinschaften zusammen. Dies gilt für die
Ebene der Familie ebenso wie für Gemeinden, Talschaften, Völker, Nationen,
Religionsgemeinschaften, Vereine, Studieninstitutionen etc. Kurzum
Geschichte verbindet, zeigt Kontinuitäten wie Brüche auf, erklärt
Entwicklungen ebenso wie den Wandel von Dingen, dokumentiert Fortschritte
und – nicht zuletzt – erzählt Geschichten vom Leben Einzelner und
Gemeinschaften. Diese Eigenschaft der Geschichtswissenschaft gilt
gleichsam für alle Zeiten und Epochen der menschlichen Geschichte und
findet treffend in folgendem letzten Zitat seinen Ausdruck: „Nur wer seine
eigenen Wurzeln kennt, kann seine Heimat lieben, um sich ihrer anzunehmen
und sie als Teil eines größeren Ganzen europäischer, ja weltweiter
Dimension zu betrachten.“ (Ausstellungstext zur Tagung ‚Waidbruck‘). Das
Geschichtsbewusstsein der Marktgemeinde Nenzing ist seit Jahren durch die
Arbeit des Archivs geschärft und auch innerhalb ihrer Bewohner gefestigt,
wie der rege Zuspruch zu den verschiedensten Veranstaltungen bezeugt. Nun
zeigte sich für das Gemeindegebiet Nenzing, dass sich hier gleich mehrere
archäologische Fundstellen befanden, die jedoch alle recht schlecht
erforscht, mehr oder weniger brach im Dunkel der Geschichte verborgen
lagen. So verwunderte es nicht weiter, dass innerhalb der Gemeinde der
Wunsch entstand, mehr über diese in Vergessenheit geratenen Orte und
Plätze in Erfahrung zu bringen. Fragen nach ihrer Bedeutung, ihrer
Zeitstellung, ihrer Funktion waren unbeantwortet. Wer lebte dort, warum,
was geschah dort? Was aßen die Menschen, wo siedelten sie, wie alt wurden
sie, wie bauten sie ihre Häuser, glaubten sie an Götter, waren sie reich,
litten sie Hunger, herrschte Krieg?
Die Anfänge und die
sensationelle Entdeckung des Brandopferplatzes
Nach der ersten
Kampagne stand fest, dass es sich bei dem Nenzinger Fundort ‚Schibastuhl‘
nicht, wie in der vierziger Jahren des 20. Jh. von Adolf Hild publiziert
um eine Siedlung, sondern um einen Brandopferplatz handelt. Dieser wurde
nun in den folgenden drei Grabungskampagnen weiter ausgegraben und
analysiert.
Eine treffende Definition des Begriffes
‚Brandopferplatz‘ lieferte Paul Gleirscher, der wie folgt die Merkmale
zusammenfasste: „Brandopferplätze sind ehrteilige Naturheiligtümer in
unterschiedlicher Lage, an denen ein Fruchtbarkeitskult, später auch ein
Kriegskult mit Brandopfern vollzogen wurde. Der Altar konnte als
Lehmtenne oder -wesentlich häufiger?- als steinerner Unterbau konstruiert
gewesen sein; daraus entstanden in stetigem Zuwachs oder
-wahrscheinlicher- in mehreren Phasen regelrechte Steinkegel. Zur
Anlage, die unterschiedlich auch durch Mauern begrenzt sein kann, gehören
neben dem Altar, offenbar in der Regel auch eine Deponierungsstelle
(Bothros) sowie eine „Festwiese“. Exponierte Kuppen- und
Hanglagen boten sich… in besonderer Weise zur Darbringung von Brandopfern
an“.
Überträgt man diese Definition auf den Scheibenstuhl, so
fällt die große Übereinstimmung der Befunde mit den oben angeführten
Punkten auf. Eine unheimlich große Anzahlt kleinster zerhackter
Knochensplitter und -stückchen ließen sich im Zuge der Grabungen bergen,
die allesamt durch die Hitze weiß gefärbt im gesamten Bereich des
Nordplateaus sogar bis in die obersten Waldbodenschichten streuten. Sie
stammen von den Fleischopfern, die hier zu Ehren einer nicht weiter
definierbaren Gottheit (oder Gottheiten) dargebracht wurden. Von diesen
Opferhandlungen und -feuern zeugen zwei Steinaltäre, die sich als
steinerne Unterbauten erhielten und zwei Opfergruben (Bothroi), die
vollständig mit schwarzem kohligem Knochen-Aschematerial verfüllt waren.
Von
Vergleichsorten weiß man, dass Teile der Opfer im Rahmen eines Opferfestes
von der Opfergemeinschaft vor Ort verspeist und nur Teile der Tiere
vollkommen verbrannt wurden. Untersuchungen an Tierknochen lassen den
Rückschluss zu, dass man vor allem die fleischarmen Stücke opferte und
somit vollständig verbrannte und die fleischreichen hingegen verzehrte.
Dies geschah wahrscheinlich im Rahmen eines oben schon erwähnten
Opferfestes, welches auf der so genannten ‚Festwiese‘ statt fand.
Hierunter versteht man einen Festplatz innerhalb des ‚Heiligen Bezirkes‘,
der diesen Feierlichkeiten diente. Im Fall des Scheibenstuhls ergaben die
archäologischen Untersuchungen, dass nur im Bereich der Nordterrasse der
eigentliche Opfer- und Verbrennungsplatz lag und der gesamte mittlere und
südliche Abschnitt des fast 140m langen Plateaus der ‚Festwiese‘ Raum bot.
Hierzu passt auch der Befund eines die gesamte Terrasse umfassenden Walls,
der nicht fortifikatorische Zwecke erfüllte, sondern der optischen
Abgrenzung eines sakralen Ortes galt. (Abb.
2) Abb. 2: Modell des ‚rätischen‘ Heiligtums St. Walburg in Ulten
(Bild:
Südtiroler Archäologiemuseum Bozen, 2000)
Wie stelle
ich mir einen Brandopferplatz vor? Leider ist es vom heutigen
Standpunkt aus schwer sich den genauen Ablauf solcher Kulthandlungen
vorzustellen. Viele Fragen bleiben unbeantwortet und das Dunkel der
Geschichte lüftet sich nur langsam und unter der Aufbringung wie dem
Einsatz von viel Geduld, Technik und Know-how. Dennoch darf als Anlehnung
an solche Brandopfer die Odyssee von Homer herangezogen werden, in der
immer wieder umfassende Opferhandlungen beschrieben werden. Im dritten
Gesang beispielsweise opfern Nestor und seinen Mannen gerade dem Meergott
Poseidon, während Telemachos, der Sohn des Odysseus mit seinem Schiff
landet. ... Dort brachten am Meergestade die Männer Schwarze
Stiere zum Opfer dem bläulichgelockten Poseidon Neun war der Bänke
Zahl, fünfhundert saßen auf jeder; Jede von diesen gab neun Stiere. Sie
kosteten jetzo Alle der Eingeweide, und brannten dem Gotte die Lenden.
In
weiterer Folge empfängt Nestor Telemachos gastlich und bewirtet diesen,
nachdem auch er, begleitet von der Göttin Pallas Athene, opferte und
Gebete sprach. [Nestor und seine Söhne] Reichten grüßend die Händ', und
nötigten beide [Telemachos und Pallas Athene] zum Sitze. Nestors
Sohn vor allen, Peisistratos, nahte sich ihnen, Nahm sie beid' an der
Hand, und hieß sie sitzen am Mahle, Auf dickwollichten Fellen, im
Kieselsande des Meeres, Seinem Vater zur Seit' und Thrasymedes dem Bruder; 40 Legte
vor jeden ein Teil der Eingeweide, und schenkte Wein in den goldenen
Becher, und reicht' ihn mit herzlichem Handschlag Pallas Athenen, der
Tochter des wetterleuchtenden Gottes: Bete jetzt, o Fremdling, zum
Meerbeherrscher Poseidon, Denn ihr findet uns hier an seinem heiligen
Mahle. 45 Hast du, der Sitte gemäß, dein Opfer gebracht und gebetet, Dann
gib diesem ult der
Vorzeit in den Alpen, 1997)
Die Forschung ist um die Klärung dieser
Fragen bemüht und gerade deshalb sind auch neue Ausgrabungen, wie jene in
Nenzing von internationalem Wert und finden entsprechende Beachtung. Ein
Denkmodell der Archäologie geht davon aus, dass es ‚überregionale‘ und
‚lokale‘ Opferplätze gab. Erstere lägen außerhalb der Siedlungsräume,
beispielsweise in gebirgigen Höchstlagen. Derartige Plätze sind vom
Schlern in Südtirol und vom Monte Ozol im Trentino bekannt. Häufiger waren
jedoch zweitere, nämlich die ‚lokalen‘ Opferplätze, die sich in nächster
Nähe zu den Siedlungen und Gräbern befanden und den religiösen
Bedürfnissen einer oder mehrerer Gemeinschaften dienten. Der ‚Schibastuhl‘
dürfte auf Grund seiner Lage und Größe eher der zuletzt genannten Gruppe
angehören. Was die Bevölkerung des Walgaus betrifft, so sind auch
in diesem Bereich klare Aussagen nur erschwert möglich. Schriftliche
Quellen fehlen weitgehend und zusammengehörende Gruppen und Verbände
können nur über ihre Sachgüter und gemeinsame Lebens- und
Religionsvorstellungen gebildet werden. Vorsichtig ist die Forschung um
die Identifizierung einer ‚rätischen‘ Bevölkerungsgruppe bemüht, die den
mittleren Alpenraum nördlich und südlich des Brenners, im Westen bis zum
Alpenrheintal bevölkerte. In den benachbarten Voralpengebieten nördlich,
westlich und südlich siedeln die Kelten und im Süden zusätzlich die
Veneter und Etrusker. Ebenso im Osten schließen keltische Stammesgebiete
an die ‚rätischen‘ inneralpinen Zonen. Vorerst wird in der archäologischen
Forschung diese ‚rätische‘ Volksgruppe mit dem Erstarken der
Fritzens-Sanzeno-Kultur verknüpft, ein Vorgang der um die Mitte des ersten
vorchristlichen Jahrtausends beginnt. Inwieweit die Region des heutigen
Walgaus vollständig zur ‚rätischen‘ Bevölkerung hinzuzurechnen ist, ist
beim derzeitigen Forschungsstand nicht zu beantworten. Es ist eher davon
auszugehen, dass der Walgau eine Sonderposition am Schnittpunkt keltischer
und rätischer Kulturzonen darstellte. Noch ist die Auswertung der
Befunde und Funde nicht abgeschlossen und mit weiteren Details ist zu
rechnen. Die oben dargelegten Ausführungen belegen, wie schwierig es ist,
dem Puzzel der Geschichte ein Stück hinzuzufügen und wie wichtig deshalb
solche Initiativen, wie die der Martktgemeinde Nenzing für die Erforschung
vergangener Zeiten und Kulturen sind. Um diesen Aspekt zu verdeutlichen,
sei folgendes Beispiel gegeben: Betrachtet man das Gebiet des heutigen
Vorarlbergs, so fällt auf, dass für das gesamte Bundesland kein
systematisch ergrabener Brandopferplatz vorliegt. Als mögliche Kultplätze
vergleichbarer Funktion und Zeitstellung gelten nur noch die Heidenburg
bei Göfis und der Fundplatz ‚Altenstadt-Grütze‘ bei Feldkirch.
Funde
AUSWAHL KERAMIKEN
Latènezeitliche
(jüngereisenzeitliche) Keramikfragmente: (Abb. 3) Die Keramik
ist aus Graphitton mit Glimmerzusätzen gefertigt. Die beiden
Scherben weisen im Bereich des Gefäßhalses eine Verzierung auf. Das Dekor
setzt sich aus vertikalen Riefen zusammen. Diese Zier wurde mittels eines
Stabes oder Kammes aus Geweih, Holz, Knochen oder Ähnlichem in den noch
ungebrannten, lederharten Ton eingebracht. Das Keramikfragment auf der
linken Seite kann einem Topfgefäß zugeordnet werden, wie er beispielsweise
aus einem Haus auf der Himmelreich-Kuppe bei Wattens/Tirol gefunden worden
ist. Die Stücke sind latènezeitlich und lassen sich daher grob in die Zeit
von 450/400 v. Chr. – 15 v. Chr. datieren.
Randfragmente
verschiedener Zeitstellung: (Abb. 4) Randstück a) ist aus lokalem
Ton gefertigt und sehr grob gemagert. Es kann in die Mittelbronzezeit
(1500 – 1350 v. Chr.) datiert werden. Randstück b) hingegen ist
sehr fein gemagert und kann als latènezeitlich angesprochen werden. Randstück
c) ist als spätbronzezeitlich (1300 - 750 v. Chr.) anzusprechen und
vermutlich Teil einer kleinen Schale.
Bodenfragmente
verschiedener Zeitstellung: (Abb. 5) Das Bodenfragment a) ist
wiederum aus lokalem Ton gefertigt und sehr grob gemagert. Eine genaue
Datierung ist nicht möglich. Fragment b) hingegen lässt sich als
mittelbronzezeitlich (1500 – 1350 v. Chr.) ansprechen und stellt
vermutlich den Boden eins Trinkgefäßes oder kleinen Topfes dar.
„Terra
Sigillata“ Fragmente: (Abb. 6) Diese Art römischer Keramik
zeichnet sich durch einen roten Glanztonüberzug aus. Im Allgemeinen geht
man davon aus, dass diese Art von Tonwaren Luxusgeschirr darstellt. Sie
wurde an verschiedensten Produktionsorten in einem fast schon
„industriellen“ Stil bis in das 5. Jh. n. Chr. hinein fabriziert.
AUSWAHL
METALLFUNDE
Fibeln Fibeln sind die Sicherheitsnadeln
des Altertums. Moderne Sicherheitsnadeln benutzen immer noch dasselbe
Konstruktionsprinzip, auch die Funktion hat sich nicht wesentlich
geändert. So wurde diese Fibel am Gewand getragen, um dieses
zusammenzuhalten. Im Verlauf der Jahrhunderte änderten sich jedoch - je
nach Mode - Größe, Trageort und Form der Fibeln.
Latènezeitliche
Fibelnadel (Abb. 7) Die bronzene Nadel einer Fibel wurde 2006
gefunden. Der eigentliche, meist kunstvoll gearbeitete Fibelkörper ist
leider nicht erhalten. Dennoch kann über die Spiralkonstruktion eine grobe
Datierung in die frühe Latènezeit vorgenommen werden.
Römische
Fibel: (Abb. 8) Eine so genannte „Swastikafibel“ stammt ebenfalls
aus der Kampagne 2006. Die aus Buntmetall hergestellte Fibel ist sehr gut
erhalten, leider fehlt jedoch die Nadel. Sie ist mit konzentrisch
angeordneten Kreisaugen dekoriert und zeigt eine „pfotenähnliche“
Gestaltung der Kreuzenden. Dank Vergleichsfunden kann sie in das 2./3. Jh.
n. Chr. datiert werden. Die Swastika gilt in der Urgeschichte generell als
Sonnensymbol und hat keinen Zusammenhang zur nationalsozialistischen
Ideologie.
Römische
Münze: (Abb. 9) Diese römische Münze wurde ebenfalls im Zuge
der Kampagne 2006 gefunden. Die Münze hat einen Durchmesser von ca.1,8 cm
und kann Kaiser Claudius II. Gothicus zugeordnet werden, der von 268-270
n. Chr. regierte. Leider ist die Münze schlecht erhalten, Vergleichsfunde
lassen folgende weitere Informationen zu: Die Münze zeigt auf der
Vorderseite eine Panzerbüste mit Strahlenkrone und trägt die Inschrift
IMP(erator) C(aesar) CLAUDIUS AUG(ustus). Die Rückseite, die im Falle
dieser Münze besser erhalten ist, trägt die Inschrift Providenti(a)
AUG(ugusti). Dargestellt ist die Personifizierte Vorsorge des Kaisers, die
mit gekreuzten Beinen ein einer Säule lehnt. Sie hat ein Füllhorn in ihrer
linken Hand und einen Stab in ihrer rechten. Zu ihren Füßen liegt ein
Globus.
Bronzezeitlicher
Ring: (Abb. 10) Ein Spiralring aus Buntmetall kann als
wahrscheinlich bronzezeitlich datiert werden. Er hat einen Durchmesser von
ca. 2 cm. An seiner Oberfläche sind partiell Horizontalriefen zu erkennen.
Diese Ringe sind aus Grabzusammenhängen hinreichend bekannt und werden
entweder als Teil der Haartracht oder als Finger- oder Zehenringe
interpretiert.
Latènezeitliches
Rasiermesser: (Abb. 11) Ein ca. 10 cm langes bronzenes Rasiermesser
mit gebogener Klinge konnte ebenfalls 2005 geborgen werden. Dem Messer
fehlt der Griff, welcher vermutlich abgebrochen ist. Vergleichsfunde von
anderen Grabungen legen nahe, dass es sich dabei aber um einen Ringgriff
gehandelt haben könnte. Mit diesen Rasiermessern war es nicht möglich,
sich glatt zu rasieren. Sie waren dazu dar, den Bart zu stutzen.
Lanzenspitzen:
(Abb. 12) Die untere der beiden eisernen Lanzenspitzen kann als
alemannische Lanzenspitze angesprochen werden. Die Spitze wurde aus einem
Stück geschmiedet und ist feuerverschweißt. Sie kann in das 6./7. Jh. n.
Chr. datiert werden. Sie repräsentiert als bislang einzig
frühmittelalterliches Objekt der neuen Ausgrabungen diese Epoche. Die
obere Lanzenspitze hingegen ist aus Eisenblech gefertigt und am Ende der
Tülle gelocht. Die Verarbeitungsqualität ist sehr schlecht. Eine genaue
Datierung ist bis dato nicht möglich. Eine prähistorische Zeitstellung ist
jedoch ausschließen. Vermutlich ist sie mittelalter- oder neuzeitlich.
Beide Lanzenfunde stehen nicht mehr im Zusammenhang mit dem
Brandoperplatz, sondern gelten als Einzelfunde.